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Latein

Latein am ASG
Latein ist eine Weltsprache. Römische Schriftsteller der Antike erklären uns mit Hilfe von Mythen und Legenden, wie unsere Welt funktioniert. So geht etwa der Name unseres Kontinents Europa auf eine Liebesgeschichte oder eine Entführungsstory zurück (je nach Ansicht):

Jean-Francois de Troy - Die Entführung der Europa (1716)
Reitet Europa freiwillig auf dem Stier ins Meer? Der als Stier erschienene Gott Jupiter jedenfalls ist sichtlich vor Liebe entzückt.
In der Version des römischen Dichters Ovid liest sich diese Szene wie folgt:

(…) ausa est quoque regia virgo
nescia, quem premeret, tergo considere tauri,
cum deus a terra siccoque a litore sensim
falsa pedum primis vestigia ponit in undis;

([…] die Königstochter wagte es auch,
obwohl sie nicht wusste, wen sie da berührt, sich auf den Rücken des Stiers zu setzen,
während der Gott von der trockenen Erde am Strand allmählich
falsche Fußspuren in die ersten Wellen setzt.

 

Das Römische Reich florierte seit seiner Gründung im sonnigen Italien und breitete sich auf diesem Kontinent - meist militärisch - immer weiter aus. Dadurch verbreitete sich auch die Sprache ihrer Schriftsteller, das Lateinische. Über das Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit hat es unter Gelehrten einen Rang wie Englisch heutzutage.

Die Namen vieler heutiger Länder und Regionen gehen auf römische Provinzen (Verwaltungsbezirke) zurück.

So beschrieben Berühmtheiten wie Columbus und Kopernikus ihre Erkenntnisse über die Neue Welt beziehungsweise die Welt außerhalb unserer Erde immer noch auf Latein:

Ghirlandajo, R., Christopher Columbus (ca. 1520)
Columbus  schreibt  über  die  Bewohner  einer unbekannten Insel:

 


Nullam  hii  norunt  ydolatriam.  Immo  firmissime
credunt  omnem  vim,  omnem  potentiam,  omnia
denique  bona  esse  in  cœlo,  meque  inde  cum  his
navibus et nautis descendisse.


(Sie kennen keinen Götzendienst. Vielmehr glauben
sie sehr fest daran, dass alle Kraft, alle Macht, und
schließlich alles Gute im Himmel ist, und, dass ich
von  dort  mit  meinen  Schiffen  und  Seeleuten
herabgestiegen bin.)

Copernicus, N., De revolutionibus orbium coelestium,
Basel  2 1566 (Titelblatt).

Nikolaus Kopernikus revolutioniert mit seinem Werk über die Bewegungen von Himmelskörpern das astronomische Weltbild der Frühen Neuzeit:


Non dubito, quin eruditi quidam, uulgata iam de
nouitate hypotheſeon huius operis fama, quod
terram mobilem, Solem uero in medio univerſi
immobilem conſtituit, vehementer ſint offenſi, (…)


(Ich bezweifle nicht, dass bestimmte Gelehrte nach
der weiten Verbreitung der neuen Überlegungen in
diesem Werk - dass nämlich die Erde sich bewege,
die Sonne aber in der Mitte des Universums still
stehe - sich scharf angegriffen fühlen […])

Im Lateinunterricht beschäftigen wir uns mit dieser Weltsprache: mit ihrer Funktionsweise genauso wie mit den Menschen, die sie sprechen, ihren Gedanken, Gefühlen und Überzeugungen in der Zeit, in der sie leben. Heute ist Latein allerdings bei weitem nicht mehr so verbreitet wie oben beschrieben. Daraus ergeben sich in unserem Unterricht bestimmte Unterschiede zu den modernen Fremdsprachen:

- Wir betrachten Latein als „Reflexionssprache“, d.h. wir erforschen, wie eine Sprache als Ganzes funktioniert und was man alles damit anstellen kann. Dabei kommt uns zugute, dass Teile des Wortschatzes in anderen Sprachen fortleben, die sich aus dem Lateinischen entwickelt haben (wie etwa Englisch, Französisch, Spanisch).

- Für uns steht die Untersuchung von Sprache im Vordergrund: Einerseits, weil wir uns ein strukturiertes grammatisches System aneignen, andererseits, weil wir Rückschlüsse über die Menschen ziehen, die dahinter standen.
- Wir nähern uns heute bedeutsamen Fragen über unser eigenes Leben an, indem wir die oft andersartige Antike betrachten und Vergleiche anstellen. Denn wenn wir die Erzählung von Europa als Liebesgeschichte oder Entführungsstory verstehen, liegt unser Urteil auch immer in uns selbst begründet.
- Statt Austauschfahrten gibt es bei uns Exkursionen zu Stätten des Römischen Reiches. Dort ergründen wir die Auswirkungen der Antike auf unser heutiges Leben.

Der 6. und 7. Jahrgang in Kalkriese

 

So betrachten wir in Latein nicht nur weit entfernte Zeiten. Vielmehr hinterfragen wir uns selbst und entwickeln uns selbst als denkende Menschen weiter. Dazu steht uns zur Untersuchung eine gewaltige Bandbreite an Themen und Literatur zur Verfügung: von Mythen und Fabeln über Philosophie und Geschichtsschreibung bis hin zu Drama und Dichtung, aber auch zu Politik und Privatangelegenheiten führt uns unser Weg. Damit trägt das Fach Latein ganz im Sinne eines modernen Schulfaches zur Auseinandersetzung mit Humanismus, Wissenschaftlichkeit und Rechtsstaatlichkeit bei.


Und zu guter letzt hat auch die junge Stadt Wolfsburg einen regionalgeschichtlichen Bezug zum Lateinischen, wenn man die Namensgebung des Audi-Konzerns betrachtet. Das lateinische „audi" ist nämlich eine Aufforderung zum Zuhören, die die ehemaligen „Horch-Werke“ sprachlich modernisieren und als zukunftsweisenden Konzern mit Tradition darstellen soll.

 

UPDATE (10.05.2017): Die beim Elterninformationsabend der 2. Fremdsprachen benutzte Präsentation finden Sie nun auf dieser Homepage als *.pdf-Datei zur Ansicht.